Der space-off
Hier nun noch ein Versuch der Annäherung an den Begriff space-off.
Lauretis entleiht den Begriff space-off der Filmtheorie und definiert ihn als den "Raum, der innerhalb des Einzelbildes nicht sichtbar ist, aber aus dem ableitbar ist, was das Bild zeigt." (S. 88) Ich stelle mir darunter den Ort der Handlung vor, von dem wir im Film jeweils nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommen: der Teil des Raumes, der nicht abgebildet wird, stellt den space-off dar. Lauretis hält fest, dass der space-off auch die Kamera und den Zuschauer umfasst (S. 89).
Bezogen auf Geschlecht unterscheidet Lauretis zwischen dem "diskursiven Raum der Positionen, die der hegemoniale Diskurs zugänglich macht" und dem space-off, den diskursiven und sozialen Räumen die durch die feministische Praxis "an den Rändern des hegemonialen Diskurses und den Zwischenräumen der Institutionen, in Form der Gegenpraxis und neuen Formen von Gemeinschaft errichtet" wurde (S. 89). Das Subjekt des Feminismus sei die "Bewegung vorwärts und rückwärts zwischen der Repräsentation des Geschlechts [...] und dem, was diese Repräsentation [...] unrepräsentierbar macht", also die Bewegung zwischen dem Raum der Positionen, die der hegemoniale Diskurs zugänglich macht, und dem space-off.
Da mir diese Beschreibungen noch etwas zu abstrakt waren, habe ich nachgelesen, wie Engel den space-off bei Lauretis rezipiert. Sie beschreibt den space-off als "das Ungesagte und Unsagbare, die 'Blinden Flecken' und Zwischenräume des Diskurses", etwas, das sich "innerhalb des Diskurses aber ausserhalb der Repräsentation" befindet (WdE, S. 37). Die letzte Formulierung ist für mich die griffigste. Ich habe mich gefragt, was für ein konkretes Beispiel genannt werden könnte für etwas, das innerhalb des Diskurses aber ausserhalb der Repräsentation liegt und bin auf die Intersexualität gekommen: Während Intersexualität durchaus benannt werden kann, ganze Vorlesungen, Bücher oder Fernsehsendungen sich darum drehen, ist sie doch noch immer nicht repräsentierbar. Intersexualität ist nicht lebbar, weder amtlich, noch in sozialen und/oder kulturellen Praktiken. Insofern erscheint mir Intersexualität als ein geeignetes Beispiel für einen space-off.
Was meint ihr?
Bleibt die Frage, worin das Potential des space-off besteht. Hierzu ein Zitat von Engel: "[...] die Frage, was im hegemonialen Feld nicht repräsentierbar ist, was unsagbar und unsichtbar bleibt, [wird] nicht zur Grenze, sondern zum Anlass repräsentationspolitischer Praktiken. Die entscheidende Möglichkeit, sich ausserhalb hegemonialer Diskurse zu plazieren, liegt demnach darin, sich innerhalb dieser Diskurse zu de-plazieren, sie zu nutzen, sogar zu zitieren, um ihre Fragen zu unterlaufen und ihre Antworten miss-zuverstehen." (WdE, S. 37) In einer Fussnote verweist sie hier auch auf Irigaray (1980, S. 181): "Auch auf jenen weissen Stellen in Diskurs bewusst zu insistieren, die an die Orte ihres Ausschlusses erinnern, die in ihrer schweigenden Plastizität den Zusammenhang, die Verknüpfung und die kohärente Ausdehnung des Diskurses sichern." Ausserdem verweist Engel auch auf "The Practice of Love" (1994), in dem Lauretis "ihre Theorie lesbischer Sexualität und Subjektivität entlang konkreter Beispiele feministischer Filmtheorie und lesbisch-subkultureller Independent Film-Produktion" entwickelt.
Ich fasse das alles für mich vereinfacht so zusammen, dass Praktiken entwickelt werden sollen, die den space-off, das, was ausgeblendet wird, benennen und repräsentieren und so die Aufmerksamkeit auf seine Ausblendung lenken.
Klingt das plausibel?
Weil's ja fast zu schön wäre, wenn das alles so aufginge, noch eine letzte Bemerkung. Ich habe den Eindruck, dass der space-off von Lauretis und Engel in einem Punkt unterschiedlich verstanden wird: Lauretis spricht, wie oben zitiert, davon, dass der space-off durch die feministische Praxis in Form der Gegenpraxis und neuen Formen von Gemeinschaft errichtet wurde. Er ist somit die Praxis, die Repräsentation und also etwas durch den Feminismus (und nicht die Hegemonie) Hergestelltes. Demgegenüber beschreibt Engel den space-off als etwas von vornherein Dagewesenes, das wohl in gewisser Weise gleichzeitig mit dem hegemonialen Diskurs entsteht: Er besteht aus allem, was nicht Teil der (hegemonialen) Repräsentation ist, aber dennoch innerhalb des Diskurses liegt. Die Rolle der (Gegen-)Praktiken besteht dann nicht darin, den space-off zu erschaffen, sondern ihn aufzuspüren, zu benennen und sichtbar zu machen.
Lauretis entleiht den Begriff space-off der Filmtheorie und definiert ihn als den "Raum, der innerhalb des Einzelbildes nicht sichtbar ist, aber aus dem ableitbar ist, was das Bild zeigt." (S. 88) Ich stelle mir darunter den Ort der Handlung vor, von dem wir im Film jeweils nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommen: der Teil des Raumes, der nicht abgebildet wird, stellt den space-off dar. Lauretis hält fest, dass der space-off auch die Kamera und den Zuschauer umfasst (S. 89).
Bezogen auf Geschlecht unterscheidet Lauretis zwischen dem "diskursiven Raum der Positionen, die der hegemoniale Diskurs zugänglich macht" und dem space-off, den diskursiven und sozialen Räumen die durch die feministische Praxis "an den Rändern des hegemonialen Diskurses und den Zwischenräumen der Institutionen, in Form der Gegenpraxis und neuen Formen von Gemeinschaft errichtet" wurde (S. 89). Das Subjekt des Feminismus sei die "Bewegung vorwärts und rückwärts zwischen der Repräsentation des Geschlechts [...] und dem, was diese Repräsentation [...] unrepräsentierbar macht", also die Bewegung zwischen dem Raum der Positionen, die der hegemoniale Diskurs zugänglich macht, und dem space-off.
Da mir diese Beschreibungen noch etwas zu abstrakt waren, habe ich nachgelesen, wie Engel den space-off bei Lauretis rezipiert. Sie beschreibt den space-off als "das Ungesagte und Unsagbare, die 'Blinden Flecken' und Zwischenräume des Diskurses", etwas, das sich "innerhalb des Diskurses aber ausserhalb der Repräsentation" befindet (WdE, S. 37). Die letzte Formulierung ist für mich die griffigste. Ich habe mich gefragt, was für ein konkretes Beispiel genannt werden könnte für etwas, das innerhalb des Diskurses aber ausserhalb der Repräsentation liegt und bin auf die Intersexualität gekommen: Während Intersexualität durchaus benannt werden kann, ganze Vorlesungen, Bücher oder Fernsehsendungen sich darum drehen, ist sie doch noch immer nicht repräsentierbar. Intersexualität ist nicht lebbar, weder amtlich, noch in sozialen und/oder kulturellen Praktiken. Insofern erscheint mir Intersexualität als ein geeignetes Beispiel für einen space-off.
Was meint ihr?
Bleibt die Frage, worin das Potential des space-off besteht. Hierzu ein Zitat von Engel: "[...] die Frage, was im hegemonialen Feld nicht repräsentierbar ist, was unsagbar und unsichtbar bleibt, [wird] nicht zur Grenze, sondern zum Anlass repräsentationspolitischer Praktiken. Die entscheidende Möglichkeit, sich ausserhalb hegemonialer Diskurse zu plazieren, liegt demnach darin, sich innerhalb dieser Diskurse zu de-plazieren, sie zu nutzen, sogar zu zitieren, um ihre Fragen zu unterlaufen und ihre Antworten miss-zuverstehen." (WdE, S. 37) In einer Fussnote verweist sie hier auch auf Irigaray (1980, S. 181): "Auch auf jenen weissen Stellen in Diskurs bewusst zu insistieren, die an die Orte ihres Ausschlusses erinnern, die in ihrer schweigenden Plastizität den Zusammenhang, die Verknüpfung und die kohärente Ausdehnung des Diskurses sichern." Ausserdem verweist Engel auch auf "The Practice of Love" (1994), in dem Lauretis "ihre Theorie lesbischer Sexualität und Subjektivität entlang konkreter Beispiele feministischer Filmtheorie und lesbisch-subkultureller Independent Film-Produktion" entwickelt.
Ich fasse das alles für mich vereinfacht so zusammen, dass Praktiken entwickelt werden sollen, die den space-off, das, was ausgeblendet wird, benennen und repräsentieren und so die Aufmerksamkeit auf seine Ausblendung lenken.
Klingt das plausibel?
Weil's ja fast zu schön wäre, wenn das alles so aufginge, noch eine letzte Bemerkung. Ich habe den Eindruck, dass der space-off von Lauretis und Engel in einem Punkt unterschiedlich verstanden wird: Lauretis spricht, wie oben zitiert, davon, dass der space-off durch die feministische Praxis in Form der Gegenpraxis und neuen Formen von Gemeinschaft errichtet wurde. Er ist somit die Praxis, die Repräsentation und also etwas durch den Feminismus (und nicht die Hegemonie) Hergestelltes. Demgegenüber beschreibt Engel den space-off als etwas von vornherein Dagewesenes, das wohl in gewisser Weise gleichzeitig mit dem hegemonialen Diskurs entsteht: Er besteht aus allem, was nicht Teil der (hegemonialen) Repräsentation ist, aber dennoch innerhalb des Diskurses liegt. Die Rolle der (Gegen-)Praktiken besteht dann nicht darin, den space-off zu erschaffen, sondern ihn aufzuspüren, zu benennen und sichtbar zu machen.
dlandert - 11. Apr, 17:29


Es ist immer möglich, dass man im Raum eines wilden Aussen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven "Polizei" gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss.
(Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France, 2. Dez. 1970. S. 25)
Ist es zu weit hergeholt, hier eine Parallele zum space-off zu ziehen? Das würde dann heissen, dass der space-off ein Raum ist, in dem zwar die Regeln der diskursiven "Polizei" noch gelten, der also nicht vollkommen ausserhalb des Diskurses liegt, aber dennoch soweit in seinen äussersten Rändern, blinden Flecken und Zwischenräumen, dass neue Positionen sichtbar und repräsentierbar und somit zu neuen "Wahrheiten" werden.