Kritik an Foucault
Foucault wird von Lauretis (obschon sie selbst mit ihrem Konzept der "Technologie des Geschlechts" stark auf ihn aufbaut) mehrfach kritisiert. Zunächst einmal verstehe Foucault Sexualität nicht "als geschlechtlich verfasst [...], als von entweder männlicher oder weiblicher Gestalt, sondern als ein und dasselbe für alle – und daher folglich als männlich." Sexualität werde so immer "als Attribut, Eigentum oder Eigentümlichkeit des Männlichen verstanden." (S. 73) Foucault würde damit "die Existenz des Geschlechts verneinen" und damit "die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht [warhnehmen], die durch das Geschlecht strukturiert werden, die die sexuelle Unterdrückung von Frauen konstituieren und aufrechterhalten." Nicht zuletzt bedeute "das Geschlecht zu leugnen, 'in der Ideologie' zu verbleiben, einer Ideologie, die (keineswegs zufällig, wenn auch unbeabsichtigt) ganz entschieden dem männlich verfassten Subjekt zuarbeitet." (S. 74)
An anderer Stelle bezieht sie sich auf Monique Wittig, um auf die Macht der Diskurse einzugehen. Sie schreibt dazu:
"Indem sie argumentiert, dass die 'Diskurse der Heterosexualität uns unterdrücken, indem sie uns daran hindern zu sprechen, sofern wir nicht zu ihren Bedingungen sprechen' (Wittig 1980: 105), deckt Wittig erneut die repressive Funktion der Macht auf, die die institutionell kontrollierten Wissensformen durchzieht. Eine Funktion, die in der Foucaultschen Betrachtung der Macht als produktiv und folglich als positiv aus dem Blickfeld verschwunden ist. Während es schwierig wäre zu widerlegen, dass Macht bezogen auf Wissen, Bedeutungen und Werte produktiv ist, ist es offensichtlich, dass wir zwischen den positiven und den repressiven Auswirkungen dieser Produktion trennen müssen." (S. 78f., kursiv im Original)
Damit habe ich nun Probleme. Erstens einmal denke ich, dass die Schlussfolgerung "produktiv und folglich positiv" so nicht gezogen werden kann. Nach meinem Verständnis von Macht bei Foucault ist "produktiv" nicht mit einer Wertung verknüpft. Lauretis selbst schreibt dazu zwei Seiten zuvor: "Statt Macht mit Unterdrückung gleichzusetzen betrachtet er [Foucault] sie als produktiv, da sie Bedeutung, Werte, Wissen und Praktiken hervorbringt, aber in sich selbst weder positiv noch negativ ist." (S. 76, kursiv von DL) An diesem Punkt widerspricht sie sich damit m. E.
Daran anschliessend stellt sich zweitens die Frage, inwiefern eine "repressive Funktion der Macht" mit Foucaults Machtbegriff vereinbar ist. Da bin ich selbst unsicher, da ich diesen Aspekt von Foucaults Macht nie so richtig verstanden habe. Kann Macht für Foucault repressiv sein? Falls ja: ist sie dann auch produktiv und wertfrei? Falls nein: gibt es für Foucault gar keine Repression oder nennt er sie anders, z. B. "Zwang"? Um diese Fragen zu klären müsste wohl auch genau definiert werden, was unter "repressiv" und unter "hindern" verstanden wird: Wird damit die Möglichkeit zum Widerstand ausgeschlossen? Und damit kommt auch die Frage auf, die sich mir bei Foucaults Macht- und Zwang-Unterscheidung immer wieder stellt: Was ist mit dem Preis, der mit der Möglichkeit zum Widerstand verbunden ist? Wann ist der Preis für den Widerstand so hoch, dass von Zwang, nicht mehr von Macht gesprochen werden muss?
Das dritte Problem stellt sich mir bei der Forderung, die positiven und die repressiven Auswirkungen der Produktion zu trennen. Ich wage zu bezweifeln, dass sich die unterschiedlichen Funktionen der Macht in jedem Fall so leicht voneinander trennen lassen (ich denke da beispielsweise an den Themenkomplex "Gouvernementalität und Neoliberalismus", wo sich immer wieder gezeigt hat, wie komplex, oder besser: paradox Macht gleichzeitig 'positiv' und 'negativ' (oder 'repressiv' und 'produktiv'?) wirken kann...). Schliesslich ist die Identifikation von positiven Auswirkungen auch immer mit dem Problem verbunden, 'positiv' zu bestimmen: Welcher Bezugsrahmen soll verwendet werden um zu entscheiden, ob eine Auswirkung positiv oder negativ ist?
An anderer Stelle bezieht sie sich auf Monique Wittig, um auf die Macht der Diskurse einzugehen. Sie schreibt dazu:
"Indem sie argumentiert, dass die 'Diskurse der Heterosexualität uns unterdrücken, indem sie uns daran hindern zu sprechen, sofern wir nicht zu ihren Bedingungen sprechen' (Wittig 1980: 105), deckt Wittig erneut die repressive Funktion der Macht auf, die die institutionell kontrollierten Wissensformen durchzieht. Eine Funktion, die in der Foucaultschen Betrachtung der Macht als produktiv und folglich als positiv aus dem Blickfeld verschwunden ist. Während es schwierig wäre zu widerlegen, dass Macht bezogen auf Wissen, Bedeutungen und Werte produktiv ist, ist es offensichtlich, dass wir zwischen den positiven und den repressiven Auswirkungen dieser Produktion trennen müssen." (S. 78f., kursiv im Original)
Damit habe ich nun Probleme. Erstens einmal denke ich, dass die Schlussfolgerung "produktiv und folglich positiv" so nicht gezogen werden kann. Nach meinem Verständnis von Macht bei Foucault ist "produktiv" nicht mit einer Wertung verknüpft. Lauretis selbst schreibt dazu zwei Seiten zuvor: "Statt Macht mit Unterdrückung gleichzusetzen betrachtet er [Foucault] sie als produktiv, da sie Bedeutung, Werte, Wissen und Praktiken hervorbringt, aber in sich selbst weder positiv noch negativ ist." (S. 76, kursiv von DL) An diesem Punkt widerspricht sie sich damit m. E.
Daran anschliessend stellt sich zweitens die Frage, inwiefern eine "repressive Funktion der Macht" mit Foucaults Machtbegriff vereinbar ist. Da bin ich selbst unsicher, da ich diesen Aspekt von Foucaults Macht nie so richtig verstanden habe. Kann Macht für Foucault repressiv sein? Falls ja: ist sie dann auch produktiv und wertfrei? Falls nein: gibt es für Foucault gar keine Repression oder nennt er sie anders, z. B. "Zwang"? Um diese Fragen zu klären müsste wohl auch genau definiert werden, was unter "repressiv" und unter "hindern" verstanden wird: Wird damit die Möglichkeit zum Widerstand ausgeschlossen? Und damit kommt auch die Frage auf, die sich mir bei Foucaults Macht- und Zwang-Unterscheidung immer wieder stellt: Was ist mit dem Preis, der mit der Möglichkeit zum Widerstand verbunden ist? Wann ist der Preis für den Widerstand so hoch, dass von Zwang, nicht mehr von Macht gesprochen werden muss?
Das dritte Problem stellt sich mir bei der Forderung, die positiven und die repressiven Auswirkungen der Produktion zu trennen. Ich wage zu bezweifeln, dass sich die unterschiedlichen Funktionen der Macht in jedem Fall so leicht voneinander trennen lassen (ich denke da beispielsweise an den Themenkomplex "Gouvernementalität und Neoliberalismus", wo sich immer wieder gezeigt hat, wie komplex, oder besser: paradox Macht gleichzeitig 'positiv' und 'negativ' (oder 'repressiv' und 'produktiv'?) wirken kann...). Schliesslich ist die Identifikation von positiven Auswirkungen auch immer mit dem Problem verbunden, 'positiv' zu bestimmen: Welcher Bezugsrahmen soll verwendet werden um zu entscheiden, ob eine Auswirkung positiv oder negativ ist?
dlandert - 27. Mär, 00:15

