Montag, 27. März 2006

Organisatorisches

Ich habe nun meine Gedanken zu einem ersten Text, Technologie des Geschlechts von Teresa de Lauretis, gepostet. Um die Sache einigermassen übersichtlich zu halten, insbesondere was die mit Spannung erwarteten Kommentare betrifft, habe ich einzelne Posts für bestimmte Unterthemen gemacht. Das ganze habe ich chronologisch gepostet, so dass der erste Eintrag zur Inhaltsangabe zuunterst erscheint.
Für das Thema (Menü/Navigation) habe ich mich mal dafür entschieden, ein Thema pro Text zu eröffnen, nicht pro Autor_In. Ob sich das bewährt, wird sich sicher noch zeigen...

Feministen und die lesbische Leserin

Im letzten Teil ihres Textes, in dem Lauretis unter anderem fordert, dass Frauen die "Arbeiten der männlichen Intellektuellen" kritisch lesen und neu schreiben sollen (S. 86), sowie dass neue Diskursräume geschaffen werden sollen (S. 87ff.), tauchen einige Punkte auf, bei denen ich Lauretis' Argumentation problematisch finde. So kritisiert sie beispielsweise die "jüngste Welle kritischer Schriften von Männern über den Feminismus [...] Männliche Philosophen, die schreiben wie eine Frau, männliche Kritiker, die lesen wie eine Frau [...]". Ihre Beurteilung davon: "Zum Grossteil [...] werten einige Arbeiten das feministische Projekt in der Wissenschaft per se nicht auf. Sie rechtfertigen allerdings bestimmte Positionen innerhalb des akademischen Feminismus; jene Positionen, die mit den persönlichen Interessen des Kritikers und den männlich ausgerichteten theoretischen Belangen oder beidem in Einklang stehen." (S. 83) Hier stellt sich die Frage, wer denn das Recht dazu hat, Feminist_In zu sein und wer bestimmen kann, welche Positionen förderungswürdig sind. Nur Frauen? Alle Frauen? (Ganz zu schweigen von der hier vollkommen ausgeklammerten Frage: Was ist eine Frau? Wer ein Mann?...).
Lauretis begründet ihre Bedenken (unter anderem) damit, dass, wie sie aus der Aufsatzsammlung Gender and Reading zitiert, Männer nicht bereit seien, Texte von Frauen zu lesen. Es folgt, mit Bezug auf eben diese Aufsatzsammlung, eine ausführliche Diskussion dazu, was es heisst, einen Text als Frau, bzw. als Lesbe zu lesen. Lauretis kritisiert Ansätze, die davon ausgehen, dass beispielsweise auch ein Mann einen Text 'als Lesbe' lesen kann und findet, dass sie "die [...] Annahme, dass Lesben anders als heterosexuell orientierte Frauen und Männer lesen, für richtig halte;" (S. 84) Doch wer ist diese Lesbe, die da liest? Lesen alle Lesben gleich? Welche Texte liest 'die Lesbe' auf welche Weise anders als 'der Schwule', 'die heterosexuelle Frau', 'der heterosexuelle Mann', ... ? Diese Fragen werden leider komplett ausgeblendet. Irritierend finde ich diese Annahme einer homogenen (lesbischen) Identität insbesondere deshalb, weil Lauretis selbst in der Einleitung ihres Textes sowohl die Bedeutung der Unterschiede der Frauen untereinander, als auch der Widersprüchlichkeit des Subjekts durch die Zugehörigkeit zu einer Vielzahl von 'Klassen' betont. Und auch auf Seite 87 schreibt sie von einem "Subjekt, das sich über eine Vielzahl von Differenzen in diskursiver und materieller Heterogenität [konstituiert]." Das so beschriebene widersprüchliche Subjekt steht m. E. in einem Widerspruch zu der Auffassung, dass es 'die Frau' oder 'die Lesbe' gibt, die eine bestimmte andere Lesart haben soll (und sich somit wohl dafür qualifiziert, Feministin sein zu können).
Ähnliche Kritik übt auch Engel an Lauretis, wenn sie ihr vorwirft, die Geschlechterbinarität nicht infrage gestellt zu haben: "[Lauretis geht] darauf ein, dass geschlechtliche und sexuelle Subjektivitäten sowie die soziale Organisation von Sexualität durch die Kategorien 'Rasse' und 'Ethnie' differenziert sind. Sie zieht hieraus jedoch nicht die Konsequenz, dass es eine universelle und einheitliche Kategorie 'Geschlecht' nicht geben kann [...]". (WdE, S. 59)

Perspektiven und Forderungen

Lauretis sieht "Möglichkeiten der Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung" darin, dass sich "die soziale Repräsentation des Geschlechts [...] auf dessen subjektive Konstruktion [auswirkt], und umgekehrt [...] die subjektive Repräsentation – oder Selbstrepräsentation – des Geschlechts dessen soziale Konstruktion [beeinflusst]" (S. 67, kursiv von DL). Leider fehlt das konkrete Beispiel, um nicht zu sagen: die "Anleitung". Zweifellos ist es aber dieser Aspekt von Lauretis' Repräsentationsbegriff, an den Engel anknüpft.

Auf Seite 77 wird eine ähnliche Frage aufgeworfen, diejenige nach der Hegemonie der Diskurse: "Wie beeinflussen oder bewirken Veränderungen im Bewusstsein Veränderungen in den dominanten Diskursen?" Können Gegendiskurse, Gegenpraxen "ihrerseits dominant oder hegemonial werden? Und wenn ja wie?" Lauretis warnt jedoch, dass eine reine Umverteilung der Macht nicht ausreiche: "Ich glaube, dass wir, um zu einer anderen Vorstellung des Geschlechts [...] zu gelangen und um den Begriff neu und anders zu fassen, als es uns der patriarchalische Vertrag diktiert, den männlich ausgerichteten Bezugsrahmen verlassen müssen, in dem Geschlecht und Sexualität durch den Diskurs der männlichen Sexualität [...] reproduziert werden." (S. 78)

Lauretis kritisiert die bisherigen Auffassungen von Sexualität (und schliesst darin auch die der "Feministinnen der ersten Stunde um die Jahrhundertwende" ein), die alle zwischen männlicher und weiblicher Sexualität unterscheiden und Sex immer als "heterosexuellen Verkehr und vor allem Penetration" verstehen. Sie fordert darum mit Lucy Bland: "Die Verdrängung der Penetration aus dem Mittelpunkt des sexuellen Geschehens bleibt eine Aufgabe, der wir uns auch heute noch zu stellen haben" (Bland 1981: 67, zitiert nach Lauretis, S. 74). Mir hat sich hier die Frage gestellt, wie sich diese Forderung zu Preciados kontrasexuellem Manifest (dessen Kopien ich leider unverzeihlicherweise nicht mitgenommen habe...) verhält. Meine These: Während Lauretis/Bland die Dezentralisierung der Penetration fordern, unternimmt Preciado eine Dezentralisierung des Phallus (als nur einer von vielen Dildos) und der Vagina, stellt aber die Penetration als zentrales Element der Sexualität nicht in Frage. Bei ihr geht es also im Gegensatz zu Lauretis/Bland weniger um die Handlung als um den Ort der Sexualität.
(Wenn man sich das alles ausreichend lange überlegt, ist für eine überzeugte Queerfeministin bald keine sexuelle Handlung nirgends mehr ohne üblen Beigeschmack möglich – wobei totale Enthaltsamkeit ja ebenfalls wieder in einer bestimmten Auffassung von Sexualität verhaftet bleibt... Auswegslos also :-) )

Kritik an Foucault

Foucault wird von Lauretis (obschon sie selbst mit ihrem Konzept der "Technologie des Geschlechts" stark auf ihn aufbaut) mehrfach kritisiert. Zunächst einmal verstehe Foucault Sexualität nicht "als geschlechtlich verfasst [...], als von entweder männlicher oder weiblicher Gestalt, sondern als ein und dasselbe für alle – und daher folglich als männlich." Sexualität werde so immer "als Attribut, Eigentum oder Eigentümlichkeit des Männlichen verstanden." (S. 73) Foucault würde damit "die Existenz des Geschlechts verneinen" und damit "die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht [warhnehmen], die durch das Geschlecht strukturiert werden, die die sexuelle Unterdrückung von Frauen konstituieren und aufrechterhalten." Nicht zuletzt bedeute "das Geschlecht zu leugnen, 'in der Ideologie' zu verbleiben, einer Ideologie, die (keineswegs zufällig, wenn auch unbeabsichtigt) ganz entschieden dem männlich verfassten Subjekt zuarbeitet." (S. 74)

An anderer Stelle bezieht sie sich auf Monique Wittig, um auf die Macht der Diskurse einzugehen. Sie schreibt dazu:
"Indem sie argumentiert, dass die 'Diskurse der Heterosexualität uns unterdrücken, indem sie uns daran hindern zu sprechen, sofern wir nicht zu ihren Bedingungen sprechen' (Wittig 1980: 105), deckt Wittig erneut die repressive Funktion der Macht auf, die die institutionell kontrollierten Wissensformen durchzieht. Eine Funktion, die in der Foucaultschen Betrachtung der Macht als produktiv und folglich als positiv aus dem Blickfeld verschwunden ist. Während es schwierig wäre zu widerlegen, dass Macht bezogen auf Wissen, Bedeutungen und Werte produktiv ist, ist es offensichtlich, dass wir zwischen den positiven und den repressiven Auswirkungen dieser Produktion trennen müssen." (S. 78f., kursiv im Original)
Damit habe ich nun Probleme. Erstens einmal denke ich, dass die Schlussfolgerung "produktiv und folglich positiv" so nicht gezogen werden kann. Nach meinem Verständnis von Macht bei Foucault ist "produktiv" nicht mit einer Wertung verknüpft. Lauretis selbst schreibt dazu zwei Seiten zuvor: "Statt Macht mit Unterdrückung gleichzusetzen betrachtet er [Foucault] sie als produktiv, da sie Bedeutung, Werte, Wissen und Praktiken hervorbringt, aber in sich selbst weder positiv noch negativ ist." (S. 76, kursiv von DL) An diesem Punkt widerspricht sie sich damit m. E.
Daran anschliessend stellt sich zweitens die Frage, inwiefern eine "repressive Funktion der Macht" mit Foucaults Machtbegriff vereinbar ist. Da bin ich selbst unsicher, da ich diesen Aspekt von Foucaults Macht nie so richtig verstanden habe. Kann Macht für Foucault repressiv sein? Falls ja: ist sie dann auch produktiv und wertfrei? Falls nein: gibt es für Foucault gar keine Repression oder nennt er sie anders, z. B. "Zwang"? Um diese Fragen zu klären müsste wohl auch genau definiert werden, was unter "repressiv" und unter "hindern" verstanden wird: Wird damit die Möglichkeit zum Widerstand ausgeschlossen? Und damit kommt auch die Frage auf, die sich mir bei Foucaults Macht- und Zwang-Unterscheidung immer wieder stellt: Was ist mit dem Preis, der mit der Möglichkeit zum Widerstand verbunden ist? Wann ist der Preis für den Widerstand so hoch, dass von Zwang, nicht mehr von Macht gesprochen werden muss?
Das dritte Problem stellt sich mir bei der Forderung, die positiven und die repressiven Auswirkungen der Produktion zu trennen. Ich wage zu bezweifeln, dass sich die unterschiedlichen Funktionen der Macht in jedem Fall so leicht voneinander trennen lassen (ich denke da beispielsweise an den Themenkomplex "Gouvernementalität und Neoliberalismus", wo sich immer wieder gezeigt hat, wie komplex, oder besser: paradox Macht gleichzeitig 'positiv' und 'negativ' (oder 'repressiv' und 'produktiv'?) wirken kann...). Schliesslich ist die Identifikation von positiven Auswirkungen auch immer mit dem Problem verbunden, 'positiv' zu bestimmen: Welcher Bezugsrahmen soll verwendet werden um zu entscheiden, ob eine Auswirkung positiv oder negativ ist?

Gender als Repräsentation und Konstruktion

Lauretis versteht gender als "Repräsentation einer Beziehung, der Dazugehörigkeit zu einer Klasse, einer Gruppe, einer Kategorie [...]". Die Beziehung oder das Verhältnis zwischen Individuum und Klasse (sie versteht das soziale Geschlecht als Klasse) sind dabei für Lauretis zentral. Diese Beziehung wird durch gender nicht nur repräsentiert, sondern gleichzeitig auch konstruiert: "[...] gender konstruiert ein Verhältnis zwischen einer Entität und anderen Entitäten, die zuvor als Klassen konstituiert wurden, als ein Dazugehörigkeitsverhältnis." (S. 61)

Wie genau das Verhältnis zwischen der Repräsentation und der Konstruktion von gender funktioniert, ist mir leider nicht ganz klar geworden. Das Ganze wird mitunter etwas undurchschaubar, wenn beispielsweise die Frage aufgeworfen wird, wie die Repräsentation konstruiert wird (S. 73) (wo Repräsentation doch gleichzeitig auch Konstruktion sein soll...). Sie gibt jedoch Beispiele für die Repräsentation von gender, so das Ankreuzen von "w" oder "m" auf Formularen oder durch den Film, den sie mehrfach als "Technologie des Geschlechts" bezeichnet. Ausserdem bezieht sie sich auf Althussers Begriff der Interpellation als den "Prozess, durch den gesellschaftliche Repräsentation akzeptiert und von dem Individuum als ihre (oder seine) Repräsentation angenommen wird, und so für dieses Individuum wirklich wird, obwohl sie doch eigentlich imaginär ist." (S. 71) Während ich nun versucht bin zu schliessen, dass dieser Prozess der Interpellation zur Beschreibung der Konstruktion von Geschlecht dienen soll, stellt Lauretis gleich im Anschluss wiederum die Frage nach der Konstruktion der Repräsentation, was mich leicht verwirrt zurück lässt...

Inhalt und Aufbau von "Technologie des Geschlechts"

In der Einleitung erläutert Lauretis zunächst ihre Auffassung des Begriffs gender, insbesondere in Bezug auf die sexuelle Differenz. Sie stellt fest, dass gender oftmals als sexuelle Differenz verstanden worden ist, sich daraus Vorstellungen wie "Frauenkultur, Mutterschaft, weibliches Schreiben, Feminität etc." abgeleitet haben, dieses Verständnis allerdings Einschränkungen (für den Feminismus) bedeutet. Die erste Einschränkung besteht gemäss Lauretis darin, dass die sexuelle(n) Differenze(n) "kritisches feministisches Denken im begrifflichen Rahmen eines universalen Geschlechtergegensatzes gefangenhält [...], der die Artikulation der Unterschiede [...] der Frauen untereinander erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht." (S. 58) Die zweite Einschränkung sieht sie in der Tendenz, "die radikalen epistemologischen Potentiale des feministischen Denkens" einzudämmen, die darin bestehen, das Subjekt als nicht einheitlich sondern durch sein "Erleben von ethischer Zugehörigkeit, Klassenlage wie auch von sexuellen Beziehungen" vielseitig und widersprüchlich zu verstehen. Lauretis fordert darum: "Es bedarf der Auflösung und Dekonstruktion dieser Bindung, dieses Ineinanderaufgehens von sozialem Geschlecht und sexuelle(r) Differenz(en)." (S. 59)
Ihr Ansatz besteht darin, im Anschluss an Foucaults "Technologie des Sexes" eine Technologie des Geschlechts zu entwerfen, was bedeutet "dass das Geschlecht, sowohl als Repräsentation wie als Selbstrepräsentation, ebenfalls ein Produkt verschiedenster sozialer Technologien wie Kino und institutionalisierter Diskurse, Erkenntnistheorien, kritischer Praxisformen und auch von Alltagspraxis ist." (S. 59)

Anschliessend stellt sie vier Behauptungen auf, auf welche sie im restlichen Text eingehen will. Dies sind (gekürzt):
  1. Das Geschlecht, gender, ist (eine) Repräsentation.
  2. Die Repräsentation des Geschlechts ist seine Konstruktion.
  3. Die Konstruktion des Geschlechts geht heute noch ebenso geschäftig von statten wie in früheren Zeiten, und zwar auch an den Hochschulen und auch, sogar ganz besonders, im Feminismus.
  4. Paradoxerweise wird die Konstruktion des Geschlechts unter anderem von seiner Dekonstruktion in Gang gesetzt.
Ich werde im Folgenden keine weitere Inhaltszusammenfassung vornehmen, sondern (in separaten Posts) auf einige Punkte eingehen, die für meine persönliche Lektüre des Textes zentral sind. Allerdings besteht absolut kein Anspruch auf Vollständigkeit. Insbesondere mit ihrem wichtigen Konzept des space-off, der "Räume in den Randzonen des hegemonialen Diskurses" (S. 88), konnte ich mich (noch) nicht ausreichend auseinandersetzen.

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Besprochene Texte


Antke Engel
Wie regiert die Sexualität? Michel Foucaults Konzept der Gouvernementaltiät im Kontext queer/feministischer Theoriebildung. In: Marianne Pieper und Encarnación Guitérrez Rodríguez (Hg.) Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault. Frankfurt/New York 2003.

Teresa de Lauretis
Die Technologie des Geschlechts. (Original von 1987). In: Elvira Scheich (Hg.). Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. 1996.

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Zuletzt aktualisiert: 30. Mai, 19:25

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